„Die Hitzewelle war ein Stresstest für unser Hilfeleistungssystem, den unsere Einsatzkräfte mit Unterstützung ehrenamtlicher Kräfte bewältigen konnten. Aber er hat deutlich gezeigt, wo wir jetzt handeln müssen“, erklärt Marc Groß, Geschäftsführer des DRK-Landesverbands Baden-Württemberg am Rande eines Rettungsdienst-Kongresses in Baden-Baden. Grundlage ist eine Auswertung der Einsätze des Rettungsdienstes während des Hitzezeitraums vom 21. bis 28. Juni 2026.
Im Rettungsdienstbereich Karlsruhe waren die Rettungswagen in der ausgewerteten Woche rund 35% öfter alarmiert worden, im Bereich Freiburg rund 40%, im städtischen Bereich Mannheim waren es sogar rund 50% mehr Einsätze – an den beiden heißesten Tagen am Wochenende war dort sogar eine Verdoppelung der Einsätze zu verzeichnen.
Die Auswertung macht deutlich, dass die Belastungen nicht nur den Rettungsdienst betreffen. Auch die Wohlfahrtsarbeit des DRK steht bei Hitzewellen vor erheblichen Herausforderungen. Dies gilt insbesondere für die ambulante und stationäre Pflege. Pflegebedürftige Menschen gehören zu den besonders gefährdeten Personengruppen bei extremer Hitze. Gleichzeitig sind auch Pflegekräfte einer hohen körperlichen Belastung ausgesetzt und benötigen geeignete Schutz- und Entlastungsmaßnahmen, um ihre wichtige Arbeit dauerhaft leisten zu können.
In der Folge identifiziert das DRK dringend anzugehende Maßnahmen:
- Hitze als Bevölkerungsschutzthema verankern
Extreme Hitzeereignisse müssen als eigenständige Lage in den Planungen des Bevölkerungsschutzes berücksichtigt werden. Dies umfasst die Integration in Krisen- und Einsatzpläne, die Durchführung von Übungen sowie die Entwicklung von Konzepten für Betreuung, Versorgung und Maßnahmen zur Kühlung für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen.
- Landesweites Investitionsprogramm für klimafeste Pflegeeinrichtungen
Pflegeeinrichtungen und soziale Einrichtungen müssen in die Lage versetzt werden, Bewohnerinnen und Bewohner auch während extremer Hitze sicher zu versorgen. Das Land sollte deshalb Investitionen in Klimatisierung, Verschattung, Lüftung, Dach- und Fassadenbegrünung, energieeffiziente Kühltechnik sowie hitzeresiliente Gebäude fördern.
- Förderung klimatisierter Katastrophenschutzfahrzeuge
Der Schutz von Patientinnen und Patienten muss auch während des Transports gewährleistet sein. Das DRK fordert deshalb eine Weiterentwicklung der Fahrzeugförderung mit dem Ziel, Klimatisierungssysteme bei Neuanschaffungen verbindlich vorzusehen und bestehende Fahrzeuge schrittweise nachzurüsten.
- Schutz von Einsatzkräften stärken
Die Einsatzfähigkeit der Hilfsorganisationen hängt unmittelbar vom Schutz ihrer Helferinnen und Helfer ab. Benötigt werden verbindliche Konzepte für Trinkwasserversorgung, Kühlmöglichkeiten, Pausenregelungen und hitzeangepasste Schutzausstattung. Gleichzeitig sollten Hilfsorganisationen finanziell bei der Beschaffung entsprechender Ausstattung unterstützt werden.
- Vulnerable Menschen besser schützen
Ältere Menschen, Pflegebedürftige, Menschen mit Behinderung, chronisch Kranke und alleinlebende Personen benötigen besondere Unterstützung. Kommunale Hitzeschutznetzwerke, Besuchs- und Telefonketten, kühle Schutzräume und niedrigschwellige Informationsangebote sollten flächendeckend ausgebaut werden.
- Hitzeschutzpakt für Gesundheit, Pflege und Bevölkerungsschutz
Das DRK schlägt die Einrichtung eines landesweiten Hitzeschutzpaktes vor. Darin sollten Landesregierung, Kommunen, Hilfsorganisationen, Wohlfahrtsverbände, Pflegeverbände, Krankenhäuser und weitere Akteure gemeinsame Ziele und Maßnahmen vereinbaren. Ziel muss ein koordiniertes Vorgehen zur Anpassung der gesundheitlichen und sozialen Infrastruktur an die Folgen des Klimawandels sein.
„Trotz der extremen Bedingungen konnten die Auswirkungen der Hitzewelle erfolgreich bewältigt werden. Dies ist dem herausragenden Engagement aller Kräfte, der engen Zusammenarbeit aller Beteiligten sowie der schnellen Aktivierung zusätzlicher Ressourcen des ehrenamtlichen Bevölkerungsschutzes zu verdanken“, so Leonard von Hammerstein, Geschäftsführer des DRK-Landesverbands Badisches Rotes Kreuz.
Die jüngsten Erfahrungen bestätigen zugleich einen entscheidenden Standortvorteil Baden-Württembergs: Rettungsdienst und Bevölkerungsschutz werden von starken, gemeinnützigen Hilfsorganisationen getragen. Gerade bei großflächigen Naturereignissen wie Hitzewellen, Hochwasserlagen oder anderen Extremwetterereignissen ermöglicht diese Struktur eine schnelle, flexible und wirkungsvolle Verstärkung des regulären Hilfeleistungssystems. Das DRK ist überzeugt, dass dieses Zusammenspiel auch in Zukunft ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Sicherheit und Resilienz des Landes sein wird.
Leonard von Hammerstein: „Der Klimawandel stellt unser Gesundheits- und Hilfeleistungssystem vor neue Herausforderungen. Baden-Württemberg verfügt über leistungsfähige Strukturen und engagierte Einsatzkräfte. Jetzt gilt es, die richtigen Lehren aus den Erfahrungen zu ziehen und die notwendigen Investitionen in Hitzeschutz, Ausstattung und Finanzierung entschlossen anzugehen.“
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Die beiden DRK-Landesverbände in Baden-Württemberg gehören zu den Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege, agieren als Hilfsgesellschaften und sind Teil der nationalen und internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. In Baden-Württemberg leisten die Landesverbände rund 80 Prozent des Rettungsdienstes und gewährleisten mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern den weit überwiegenden Teil des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes.
Das zweitägige „FORUM ZUKUNFT RETTEN“ am 9. und 10. Juli 2026 bietet fachlichen Austausch, Analyse, Lösungsmöglichkeiten und einen Blick in die Zukunft des Rettungsdienstes. www.zukunft-retten.de.
